Jetztzeit 2022

an den Zeichen, den Thaten der Welt, jezt

( Stand: 1. Mai 2022 )

Jetztzeit 2002–2022. Pro domo I.
Welt-Ereignisse, die meine Generation bislang getroffen haben: Perestroika, Fall der Mauer, Nine Eleven, Krieg in der Ukraine. Schon der Krieg in Ex-Jugoslawien, der Krieg im Irak hätten vielleicht einen anderen „geschichtlichen Status“.

Das Zeitfeld um den September 2001 war eine geopolitische Zeit. Mir selbst nicht erklärlich, beschäftigte mich um die Jahrtausendwende sehr die Frage nach den nomadischen Steppenkulturen: Skythen, Mongolen, Dschingis Khan, Goldene Horde, kurz: „Nomadologie“, Fall der Nord-Nomaden. Russisch gesprochen: Kočevnikovedinje. Reisen nach Sankt Petersburg, Südrußland (Mineral’nye Vody) und später mehrmals nach Moskau. 2002 entstand in der Spannung dieses Zeitfelds Nine Eleven die Mitarbeit an Heft 13, Oktober 2002 bis Februar 2003, der Zeitschrift „Gegner. Monatsunabhängige Zeitschrift gegen Politik aus Berlin“, herausgegeben von Andreas Hansen, Bert Papenfuß, Stefan Ret, Hugo Velarde, im Verlag Basisdruck, Prenzlauer Berg. Das Heft beschäftigte sich mit dem sogenannten Nationalbolschewismus und der neuen Rechten in Rußland, zu der auch die Denkrichtung der russischen Eurasier gehört. Ihre Geschichte reicht zurück in den Anfang des 20. Jahrhunderts und weiter. Ein prominenter Vertreter dieser Richtung ist der Philosoph Aleksandr Geljewitsch Dugin, Verfasser der Osnovyi geopolitiki, der Grundlagen der Geopolitik, ein Lehrbuch in russischen Militärakademien.* Mit Dugin habe ich 2002 in Moskau ein Gespräch geführt (auf französisch, nicht auf englisch, was mir damals besonders gefiel). Der Text „Nomadische Geopolitik“ sucht nach der systematischen, kultur- und medienhistorischen Tiefenschärfe für die Lage des Jahres 2002, also im Horizont von Nine Eleven und seinen geopolitischen Einsätzen, inklusive Afghanistan. Der erste und letzte geopolitische Einsatz, geradezu die Grundlegung von Geopolitik, war und ist Öl und Gas. Sie sind „land locked“, eingeschlossen an einem bestimmten, geographischen Ort.

( https://www.peter-berz.de/wp-content/uploads/2022/04/Berz-EurasiensNomaden-2.pdf )

Aber was ist zwischen 2002 und 2022 zwischen Ost und West genau geschehen? Ich habe den Faden verloren. Mein „Rußland-Container“ (Kluge) von 2002 bis 2022 ist politisch (nicht kulturell) gesehen leer. Trotzdem wir in einer Bürgerinitiative 2006/07 anläßlich der Pläne von Wingas/Gazprom für eine Verdichterstation im Naturschutzgebiet (FFH) bei Groß Köris sogar zeitweise einmal den Kampf gegen Gazprom aufgenommen hatten (siehe: www.opalsonicht.de  / Das Problem / Erdgas-Monopoly. Teil eins). Trotzdem wir uns ausführlich mit der Geschichte der russischen Biologie beschäftigt hatten, etwa mit Mandel’stams Freund, dem Lamarckisten und Insektenforscher Boris Kuzin, den jungen Biologen, die Paul Kammerers Freunde in Moskau waren. Trotzdem die Kontakte nach Rußland eng waren.

2002 / 2014
Ob Aleksandr Dugin, modo Haushofer, Ideengeber von Putin ist, bleibt unklar. Žižek: „Dugin, der als Hofphilosoph Putins gilt …“ (Spiegel 13 / 26.3.2022). Claus Leggewie: „Verlor Dugin mit seiner öffentlichen Abstrafung 2014 das »Ohr der Macht« wie sein Idol Carl Schmitt, der »Kronjurist des Dritten Reiches«? Oder hat er es wie Martin Heidegger, der »den Führer führen« wollte, nie gehabt? / Man überschätzte den Einfluss von Intellektuellen, würde man ihren Erfolg daran messen, ob sie operative Handlungen im politischen Alltag anleiten. Dugin war nie Putins Rasputin. Man darf Ideologen aber auch nicht unterschätzen. …“ (Rußlands Überfall auf die Ukraine, Spiegel plus 2.4.2022).

2014 erschien im Spiegel ein Interview mit Dugin. Das war zwölf Jahre nach 2002 und schon eine andere Zeit aus dem Osten: nach Georgien, Ossetien, Orangener Revolution jetzt: Olympiade in Sotschi, Annexion der Krim, Maidan, Krieg im Donbass. Aber was begann hier, das wieder acht Jahre später, zu einem die ganze Welt erschütternden Krieg wurde? Jetztzeit.

( https://www.peter-berz.de/wp-content/uploads/2022/04/Evrasistvo-2002-2014-2022.pdf )

Diskurse. Ende der Diskurse.
Der Krieg als Ende aller Diskurse wurde diskursiv ausführlich vorbereitet. Auf der Seite der russischen Regierung liegen für jede und jeden zugänglich: Putins „Article“ vom Juli 2021 und die einstündige TV-Rede Putins am 21. Februar; es liegen auf der Regierungsseite auch Putins Rede vom 3. Februar 2022 als Vorbereitung zum Treffen mit Xi und die lange, gemeinsame Erklärung mit Xi über China und Rußland am 4. Februar 2022 (Kommentare von Christian Esch und anderen siehe oben: Datei „Evrasistvo 2002–2014–2022“). Geht es in Putins „historiografischem Mini-Opus“ (Esch) um die Welten, die auch Aleksandr Dugin gesetzt hat? Geht es wirklich um den Kulturkampf zwischen Ost und West, den Putin ausruft und auch Dugin?

https://www.peter-berz.de/wp-content/uploads/2022/04/Putin-Juli-2021-On-the-Historical-Unity.pdf )
( https://www.peter-berz.de/wp-content/uploads/2022/04/Putin-Ukrainerede-2022-02-21.pdf )
( https://www.peter-berz.de/wp-content/uploads/2022/04/Russland-China-I-2022.pdf )

Das Grundstürzende ist die Wiederkehr der Geopolitik als solcher. August Pradetto, bis 2014 Professor für internationale Politik an der Universität der Bundeswehr Hamburg, analysierte 2014/2017 diese steigende „Geopolitisierung“ bis ins Jahr 2014.* Statt komplementär und trilateral zu denken und zu agieren, zählen immer mehr „exkludierende Konkurrenz“ und Aufladung mit „geopolitischen und identitären Kategorien“ (Pradetto 2017: S. 37). Das sei, so Pradetto, das Ergebnis diskursiver, politischer Strategien von zwei Seiten: Amerika seit George W. Busch und Rußland unter Putin. Europa als die oder der eigentlich Betroffene – Lévi-Strauss: Europa habe einst versäumt, eine Frau zu werden – verläßt die Suche nach kooperativen Sicherheits-Architekturen und schwenkt ebenfalls auf Geopolitik ein. Ob stimmt, was Pradetto behauptet: die Verwandlung des Maidan zum Euromaidan ist Ergebnis der Geopolitisierung eines Protests, der eigentlich gegen katastrophale wirtschaftliche Verhältnisse, Korruption und Oligarchentum gerichtet war? (Schnell springt dann auch das Asow-Regiment aus dem Sack.) Aber vielleicht liegt schon in dieser Umdeutung, dieser Unlenkung des Maidan zum Euromaidan der Grund für ein Umdenken der Grünen? Da sie sich doch mit dem Euromaidan sehr identifiziert haben. Ist dieser Schwenk auch ein Ergebnis der „Geopolitisierung“ von langer Hand?

* ( August Pradetto: „Die Ukraine, Russland und der Westen: Die Inszenierung einer Krise als geopolitischer Konflikt“, in: Der Ukraine-Konflikt, Russland und die europäische Sicherheitsordnung (hg. Michael Staack), Opladen, Berlin, Toronto 2017, S. 21 – 70 ).

Jetztzeit. Pro domo II.
Die zwei Jahrzehnte von 2002 bis 2022 habe ich hauptsächlich damit verbracht, das Denken in den Koordinaten von lokal und global einzuüben, bis hin zu Seminaren 2020/21 über die Arbeit des „Weltbiodiversitätsrats“, jener intergovernemental science-policy platform und vielleicht erstaunlichsten Institution von Wissensproduktion Anfang des 21. Jahrhunderts. Da kommen andere Strukturen zum Vorschein. „Lokal“ liegt diesseits nationaler Grenzen und „global“ jenseits nationaler Grenzen. Es geht um die Struktur von Winden, verstärkt oder ausbleibend, die keine Grenzen respektieren. Es geht um die Wolken und ihren Himmel. Jenseits territorialen Bodens geht es um Erde und ihre microbial ecology. Auch die Pandemie war und ist ein Ereignis aus der Biosphäre, in der Biosphäre. Trotz ihrer Auswirkung auf die hochtechnischen Gesellschaften. Die Pandemie kommt von außen auf sie zu.

Und jetzt setzt plötzlich eine andere Logik ein. Eine geschichtliche Logik. Ein Ereignis mit einem definitiven Tag, dem 24. Februar 2022, beginnend, wie Kriege in der Geschichte oft mit Datum und Ort beginnen. Auch der Nine Eleven ist ein Datum und hat einen Ort. Denn es sind geschichtliche Ereignisse. In der Biosphäre sind keine einzelnen Ereignisse ortbar. Auch im Fall von CoV-2 ist das Datum des Dezember 2019 in Wuhan nicht das biosphärische Datum, sondern ein Datum im Wissen. Denn das biosphärische Ereignis selbst liegt irgendwo und von langer Hand in der zoonotischen Begegnung von Menschen und Tieren. Und von geschichtlichen Ereignissen gibt es diese Bilder, mit denen jetzt überall und oft fast ausschließlich argumentiert wird. Von biosphärischen Ereignissen sind Bilder so schwer zu konstruieren (siehe etwa: Birgit Schneider: Klimabilder, Matthes & Seitz 2018). Jetzt also zurück zur Logik von Nationen und Imperien, von Macht, von „Einflußzonen“? Ein Rückfall? Fall aus der Geschichte?

Žižek: „Wenn nur die Kriegsdrohung uns mobilisieren kann und nicht etwa die Bedrohung unserer Umwelt, dann ist die Freiheit, die wir bekommen, wenn unsere Seite gewinnt, vielleicht nicht lebenswert.“ (SP 13 / 26.3.2022, S. 49) Und: „Keine Revolution im Sinne eines gewaltsamen gesellschaftlichen Machtwechsels, sondern unsere gesamte globale Weltordnung muss sich ändern, weil wir uns am Rande eines Abgrundes befinden. Dafür müssten breite Bevölkerungsschichten mobilisiert werden, die an dem laufenden Prozeß der Selbstzerstörung nicht mehr mitwirken wollen. Wir können nicht hoffen, ein neuer Krieg würde zu einer neuen Revolution führen: …“ (ebd.: S. 46 f.).

2014 / 2022. Der Plan?
Aber so plötzlich kommt das ja alles nicht. Denn die scharfe, bange Frage ist: Was war 2014 ? Dem Jahr von Sotschi, Krim, Maidan, Donbass.

Ein Jahr vor der Flüchtlingskrise von 2015 war ich ganz eingetaucht in die Überzeugung, daß die Ost-West-Koordinaten durch die Nord-Süd-Koordinaten abgelöst werden. Und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft, ja: als Nachbarschaft. 2013 wurde Kreuzberger Oranienplatz von Flüchtlingen aus Afrika besetzt. Viele kamen aus Asylbewerberlagern in West- und Ostdeutschland. Im Herbst wurde eine Schule in der Ohlauer Strasse besetzt. Überall in KleinSüdOst (SO 36) waren die neuen Nachbarn junge Afrikaner, gekommen durch die Sahara übers Mittelmeer. Erste Kontaktaufnahmen, Bekanntschaft mit F., dem Prinzen aus dem Nuba-Land. Dann im Juni 2014 die Räumung der Schule, Krise F.’s, er zieht bei mir ein und um ihn herum entsteht in meiner Wohnung ein sudanesisches Männerwohnheim. (Ein Tagebuch versucht darüber zu berichten: „Klein-Südost“.) Damit war Ost-West ganz und gar von Süd-Nord verdrängt. Auch programmatisch.

Aber 2014/2015 im Osten?

Wenn man sagen würde: Hitler brauchte von 1933 an sechs Jahre zur Vorbereitung auf einen Weltkrieg, Putin acht Jahre zur Vorbereitung auf einen Krieg, dessen Ausgang niemand kennt. Aber das hieße vielleicht nur, das altbekannte Muster eines groß angelegten, geschlossenen Plans auf eine vielleicht strukturell andere Lage anwenden. Also die von Hitler von Anfang an geplante Zurichtung einer Gesellschaft, eines Staates, einer Nation, einer nationalen Industrie mit internationalen Verflechtungen auf einen Krieg, Voraussetzung für den Umbau Deutschlands in einen totalitären Staat. Trifft das auf Putins Rußland von 2014 bis 2022 zu? Ein Plan? Der Achtjahres-Plan?

„Flucht aus Byzanz“. Long range.
( Under construction. )